Das letzte Stündlein
(...) Der ersehnte Abstieg durch den Stollen zum Schacht sei heute nicht möglich, hatte sein Führer ihn wissen lassen. Zu gefährlich bei diesem rutschigen Untergrund. Für heute müsse man es bei einem kurzen Orientierungsgang bewenden lassen, er werde ihm nur einzelne Stellen zeigen, von denen aus man in den Schieferstollen gelangen konnte. Den Stollen selbst würden sie sich beim nächsten oder übernächsten Mal vornehmen. Gute Möglichkeit, einander kennenzulernen. Mental müsse es zwischen ihnen beiden stimmen, genauso wie die Ausrüstung stimmen musste: Das Schuhwerk, der Sitz der Abseilgurte, Handschuhe und Kopftaschenlampe. Das Handling der Karabiner und der Schnallen sei ein wichtiger Punkt. Ohne das alles kontrolliert, ggf. ergänzt zu haben, werde er ihn sowieso nicht zu einer der Gruben führen. Das war schließlich kein Spaziergang!
„Der ganze Altlayer Wald ist ein Schweizer Käse!“, so hatte er gesagt. „Gefährlich, sowieso nicht legal. Mein Zertifikat als geprüfter Wanderführer kann ich verbrennen, wenn das rauskommt“, hatte er gesagt, „als Soldat der Bundeswehr hätte ich ein für allemal ausgedient! Ich kann mir kein Risiko leisten, nicht das kleinste! Verstanden?“ Bevor er sich entscheiden könne, ihm diese ganz besondere Höhle zu zeigen, müsse man sich Zeit füreinander nehmen, um sich kennenzulernen: körperliche, mentale Fitness, Herzblut. Verständnis für „das blaue Wunder“ in der Tiefe. „Vierhundert Millionen Jahre - Sie haben keine Ahnung, wie sich das anfühlt! Schiefer, schwarzer Schiefer, und unter der Kopflampe schimmert das Wasser schwarz, und blau, und gold und silbern, sogar rot. Kaum auszuhalten. Schwarze Unsterblichkeit! Für vierhundert Millionen Jahre Reise zurück braucht man ein besonderes Herz …“. Das hatte er tatsächlich gesagt!
Nun gut. Als Lokalreporter war er eigentlich nur an einer geilen Story für sein Blatt interessiert gewesen. Natürlich hatte er seinen Beruf nicht mitgeteilt. (...)