Wenig mehr als 500 Einwohner zählte Thalfang, als Samuel Hirsch, ältester Sohn des Viehhändlers Joseph Salomon aus Talling, dort in einer Gesellschaft aufwuchs, die sich so wie in vielen Dörfern des Hunsrücks aus Christen und Juden zusammensetzte. Vom Miteinander der Religionen erzählten mir noch viele Zeitzeugen aus anderen Orten, die zu ihrer Zeit die 20er Jahre noch miterlebt haben: man lebte von einem Handwerk oder vom Kleinhandel, führte einen Laden oder eine Gaststube, hielt Vieh und Geflügel, bestellte dazu die Parzellen und den Garten. Sonntags gingen die Christen in die Kirche, die Juden feierten den Vorabend des Sabbath am Freitag Abend. Die Kirchenglocken durften von den Kindern geläutet werden – welcher Junge hätte sich nicht darum gerissen, seine Kraft am Strang zu probieren! Der evangelische Pfarrer von Rhaunen zum Beispiel nahm die Kinder reihum dran, achtete darauf, dass keiner zuschauen musste. Starb der Nachbar, folgte die Gemeinde dem Trauerzug ohne nach der Religion zu fragen. Samuel Hirschs Erinnerungen schildern den unbekümmerten menschlichen Umgang miteinander sehr präzise:
„Weder der katholische noch der protestantische Bauer – mit beiden stehen meine Eltern in den vielseitigsten und freundschaftlichsten Beziehungen – findet es anstößig, daß der Jude Jude und nicht Christ ist.“ Der Pfarrer – so schreibt er – predigte bei gegebenem Anlass auch schon mal auf dem jüdischen Gottesacker, selbst in der Synagoge.