Der Sohn des Franzosen



„Guudn Tach, Monsieur l‘Agent!“

„Bonjour Monsieur“.

 Die beiden Männer wechselten einen Händedruck, stemmten die Hände in die Seiten, nicken einander zu, sahen sich kurz um. Dann schritten sie die Polter ab, begutachteten die Menge der zum Abtransport gestapelten Stämme. Um sie herum die Waldarbeiter, zwischen ihren Stimmen konnte man neben der vertrauten Hunsrick-Sprooch französische Fetzen ausmachen. Auch „Monsieur l’Agent“ sprach nur gebrochen Deutsch, er wies auf einen der Polter. „Den ich nehme,“, sagte er. Auf seinen Wink markierten seine Leute den Polter, zählten die Stämme, überprüften die Angaben, die der Hunsrücker vorwies. Dieser war deutlich älter als der Franzose, aber ebenso gediegen und statusbewusst. Sobald er mit dem Franzosen sprach, verlor sich sein Hunsrücker Dialekt in beinah akzentfreies Hochdeutsch. Ihr Umgang miteinander war professionell, aber nicht kühl, sie schienen gut gelaunt; dem Hunsrücker blieb vielleicht auch gar nichts anderes übrig.

Sie ähnelten sich ein wenig. Konzentriert und mit Kennerblick in Sachen Holz, ohne ein überflüssiges Wort machten sie ihre Arbeit, beide sahen ausgesprochen gut aus. Durchtrainiert, statusbewusst, im Vollbewusstsein ihrer Lebensleistung als Mann, befehlsgewohnt – jeder mag sich im anderen erkannt haben. Jetzt waren sie gefordert, miteinander zu kooperieren. Das war für den Hunsrücker nicht leicht: Er musste geben, was der französische „Agent“ sich nahm!

Dabei ging es um die Reparationsforderungen der Franzosen an die Deutschen nach dem Krieg. Die Hunsrücker litten unter dem ausgehandelten Wiedergutmachungsabkommen, das den Franzosen das Recht auf Holzgewinnung aus den besiegten Gebieten gab. Franz Steffens, der Waldbesitzer, hatte gerodet, gestapelt, gelagert; nun musste er abgeben, was Monsieur l‘Agent wünschte. Abgaben an den Erbfeind, da sollte man besser spuren.

Monsieur war Waldarbeiter, hielt den Posten als „Agent für Holzwirtschaft“ der Franzosen. Er disponierte die Holz-Zuteilung im Auftrag des nahegelegenen militärischen Stützpunkts der Franzosen im Lager von Kappel. Mit einem Nicken seines Kinns, mit Fingerzeigen wies er seine Leute an, sagte wenig, außer: „Das ich kriege.“ „Das ich nehme!“ Er nickte jedes Mal und war schon wieder weiter, während die Holzarbeiter markierten, zählten, notierten.

 

„Plötzlich stand Mama da“, erzählt der Sohn des Franzosen. „Papa stutzte, lachte und sagte zu seinen Leuten:


„Und die ich kriege auch!“